03.06.2020 | 1. Mannschaft

„Es geht um Menschenrechte“

Zack Steffen im Interview über die Lage in den USA und Proteste gegen Rassismus

Fortuna Düsseldorf tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen, insbesondere aufgrund der Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, des Geschlechts, des Alters, der sexuellen Identität oder einer Behinderung, aktiv entgegen. So steht es in der Satzung des Traditionsvereins. Das Gleiche macht derzeit Torwart Zack Steffen, in dessen Heimat, den USA, es nach dem Tod von George Floyd zu zahlreichen Demonstrationen kommt, bei denen sich die Teilnehmer gegen Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Schwarzen aussprechen. Der Nationaltorhüter engagiert sich aktiv gegen Rassismus. www.f95.de hat mit ihm darüber gesprochen.

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Zack, wie bekommst Du die aktuelle Situation in den USA aus der Ferne mit?
Natürlich sehe ich, was in meiner Heimat los ist. Das Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Polizist auf dem Nacken von George Floyd kniet, ist ein direkter Schlag ins Gesicht und zeigt, dass sich Rassisten nicht um das Leben von Schwarzen scheren. Dagegen zu protestieren, ist kein politischer Akt. Es geht um Menschenrechte, die eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Das Rassismus-Problem existiert nicht erst seit Kurzem.
Nein, es existiert überall auf der Welt und schon hunderte Jahre. Er ist real. Rassismus war real, als die ersten Europäer nach Amerika gekommen sind und das Land erobert haben. Er war real, als sie Schwarze als Sklaven ins Land geholt haben und die Drecksarbeit haben machen lassen. Und er ist immer noch real, denn für Schwarze gibt es noch immer keine gleichen Rechte und keine Gerechtigkeit für die jahrhundertelange Unterdrückung. Das haben die Leute nun satt.

Kannst Du uns von Deinen Rassismus-Erfahrungen erzählen?
Ich hatte wirklich Glück. Meine Mutter ist weiß, mein Vater ist schwarz, aber ich habe in meiner Kindheit einen weißen Stiefvater bekommen. Meine Schwester und ich sind also in einem „weißen Haushalt“ aufgewachsen und hatten viele Probleme nicht, mit denen andere Familien tagtäglich zu kämpfen haben. Das war ein großes Privileg. Umso mehr möchte ich nun meine Stimme nutzen, um denen zu helfen, die mehr Rassismus erfahren mussten. Ich wurde in einem Haus erzogen, in dem man nett zueinander ist und Leute so behandelt, wie man es auch von ihnen erwartet. Dass es da draußen Eltern gibt, die ihre Kinder scheinbar nicht so erziehen, ist ignorant. Und es ist Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Der Großteil Deiner Familie lebt in den USA. Machst Du Dir Sorgen um sie?
Ja, schon, auch wenn es ihnen gut geht. Meine Familie wohnt in einem Vorort von Philadelphia, etwa eine Dreiviertelstunde von der Stadt entfernt. Sie sind also nicht direkt in der Großstadt, in der es aktuell sehr chaotisch zugeht. Aus Philadelphia haben ich viele Videos gesehen, in denen die Polizei friedliche Demonstranten attackiert. Sie provozieren Gewalt und wollen so unsere Ziele ruinieren, die wir friedlich erreichen wollen. Sie versuchen, das Narrativ zu ändern und uns die Schuld an den Eskalationen zu geben, was absurd ist.

Um etwas zu verändern, hast Du ein Projekt auf Social Media ins Leben gerufen. Was willst Du damit erreichen?
Es ist eine Plattform, die sich „Voycenow“ nennt. Unser Ziel ist es, Sportler aus verschiedenen Sportarten zusammenzubringen und eine Gemeinschaft zu bilden, in der wir einander zuhören und diskutieren können, aber auch Projekte nach vorne bringen und für sinnvolle Aktionen spenden können. Ich möchte für Veränderungen kämpfen. So wie wir uns auf Social Media zu Problemen äußern, so sollten wir auch wirklich handeln.

Mit Deiner klaren Haltung stehst Du in den USA nicht allein da. Fußball-Nationalmannschafts-Kapitänin Megan Rapinoe ist sehr meinungsstark, NFL- oder NBA-Sieger besuchen das Weiße Haus nach Meisterschaften nicht mehr - welche Rolle spielen politische Statements von Sportlern in den USA?
Als Sportler stehen wir im Fokus. Wir werden beobachtet und gefeiert. Leute bezahlen Geld, um uns spielen zu sehen. Deswegen haben wir eine Bühne und Aufmerksamkeit. Fans folgen uns auf Social Media, weil sie erfahren wollen, wer wir außerhalb des Spielfelds sind. Durch unsere Statements zeigen wir deutlich, wer wir sind, was uns interessiert, wofür wir leben und wofür wir kämpfen.

Wie hast Du die Aktionen Deiner Bundesliga-Kollegen Weston McKennie, Jadon Sancho oder Marcus Thuram am vergangenen Wochenende mitbekommen?
Es war schön zu sehen. Wie ich eben gesagt habe: Fans schauen zu Sportlern auf und sie respektieren, was wir sagen. Deswegen müssen wir aufstehen und für die Leute sprechen, die keine Stimme haben oder nicht gehört werden.

Was möchtest Du zum Abschluss Deutschen oder Weißen, die mehr über die Protestbewegungen erfahren wollen, mit auf den Weg geben?
Als Weißer steckt man nicht in den Schuhen der Schwarzen. Und wenn man deswegen keine ganz so starke Botschaft hat, weil es einen nicht direkt selbst betrifft, ist es auch okay, nichts zu sagen, sondern zuzuhören. Ganz offensichtlich haben Weiße Privilegien, die es unmöglich machen, die Probleme von Schwarzen zu 100 Prozent zu verstehen. Man hat es selbst nie erlebt und kann es selbst nie erleben. Dennoch bitte ich Euch: Steht gegen Rassismus auf und lehnt Euch nicht zurück. Wir brauchen Euch nicht auf der Ersatzbank, wir brauchen Euch alle als unsere Unterstützung auf dem Spielfeld. Steht mit uns zusammen. Denn diese Welt sollte nicht durch Hass regiert werden.

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