13.04.2021 | Verein

Hans-Dieter Tippenhauer verstorben

Europapokal-Final-Coach wurde 77 Jahre alt

Hans-Dieter Tippenhauer ist tot. Der ehemalige Coach der Fortuna verstarb, wie erst heute bekannt wurde, Anfang des Monats im Alter von 77 Jahren. Tippenhauer war zwar nur 15 Monate als Cheftrainer bei den Flingeranern im Amt, doch in dieser kurzen Zeit konnte er Erfolge feiern, die bis heute Nachhall finden - allen voran den Einzug ins Europapokalfinale der Pokalsieger am 16. Mai 1979.

  • Foto: Horstmüller

Geboren wurde Tippenhauer am 16. Oktober 1943 im ehemals ostpreußischen Mieruniszki (Merunen). Zum Kriegsende 1945 musste die Familie die Heimat verlassen und vor den heranrückenden Truppen in Richtung Westen flüchten - „eine harte Zeit für uns, denn wir standen vor dem Nichts“, sagte er einmal.

Ablenkung fand er im Sport, vor allem für den Fußball begeisterte er sich früh, auch wenn seine aktive Karriere, wie er sehr nüchtern konstatierte, „in eher überschaubaren Dimensionen verlief“, was aber auch einigen Verletzungen geschuldet war.

1975 erwarb Tippenhauer als einer der Jahrgangsbesten mit der Note „1“ seine Fußballlehrer-Lizenz und stand gleich im Fokus eines gestandenen Mannes seines Fachs: Dietrich Weise. Der sollte bei Fortuna seine Qualitäten unter Beweis stellen, indem er den Club zum ersten Mal seit 1962 wieder in ein DFB-Pokalfinale führte, während es in der Bundesliga in jener Saison 1977/1978 einen beachtlichen siebten Platz gab. Weise war ein großes Vorbild für Tippenhauer. Und Weise zählte große Stücke auf Tippenhauer, den er auch in Düsseldorf zum Assistenten machte, nachdem er mit ihm schon bei Eintracht Frankfurt erfolgreich zusammengearbeitet hatte.

Als Weise 1978 dem Ruf des DFB folgte und Fortuna verließ, wurde Tippenhauer mit gerade einmal 33 Jahren einer der jüngsten Trainer in der Bundesliga. Dass die Rot-Weißen keine zwölf Monate später im Kreis europäischer Spitzenvereine angekommen waren, konnte dem Verdienst Tippenhausers, aber auch Dietrich Weise und ihrer beider akribisch geleisteten Arbeit zugeschrieben werden.

Denn die Saison 1978/79 zählt bis heute zu den Besten seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1933. Zwei große Ereignisse aus jener Spielzeit stehen dabei noch immer weit oben in der Vereinschronik: Die knappe 3:4-Niederlage im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger in Basel gegen den FC Barcelona nach Verlängerung - die Katalanen galten schon damals als herausragender Club in Europa. Und kurz darauf - im sechsten Anlauf - der 1:0-Sieg im DFB-Pokalfinale gegen Hertha BSC durch Wolfgang Seels großartigen Treffer vier Minuten vor Ende der Verlängerung, durch den die Trophäe endlich in die Landeshauptstadt gelangte.

Doch zwei weitere Spiele dürften sich bis heute ins kollektive Gedächtnis bei den Rot-Weißen gebrannt haben: Zum einen der herausragende 7:1-Sieg gegen den FC Bayern München am 9. Dezember 1978, die bis heute höchste Auswärtsniederlage des deutschen Rekordmeisters im Fußball-Oberhaus - nachzulesen in jedem Saisonheft des „Kicker“. Zum anderen das 6:1 beim SV Darmstadt 98 am 16. September 1978 - der bis heute höchste Bundesliga-Auswärtssieg der Flingeraner. Beiläufig zu erwähnen sei noch ein 2:1 beim FC Schalke 04, mit dem man in Gelsenkirchen zum ersten Mal nach fast zwei Jahrzehnten als Sieger den Platz verließ.

Am Saisonende standen für eine offensivstarke Fortuna 70 Tore zu Buche - so viele wie selten zuvor und nie mehr danach. Parallel dazu kamen mit Gerd Zewe und Klaus Allofs gleich zwei Düsseldorfer zu ihrem Nationalmannschaftsdebüt. Klaus Allofs wurde obendrein mit 22 Treffern Bundesliga-Torschützenkönig.

So blieb Tippenhauer über die Jahrzehnte unvergessen, als einer, der mit großer Leidenschaft, Fleiß und Ehrgeiz „seinen“ Sport lebte und gleichzeitig einen intensiven Kontakt zu seinen Spielern suchte, mit dem Ziel, auf dem Platz eine erfolgreiche wie verschworene Gemeinschaft zu sehen. Rekord-Torhüter Wilfried Woyke: „Wir spürten schnell, dass er große Ahnung vom Fußball hatte. Auch wenn er kaum älter als manch anderer im Team war, war er eine Autoritätsperson, ohne dabei autoritär auftreten zu müssen. Wir haben ihn als sehr zugänglich erlebt und er vermittelte dabei das Gefühl, zuzuhören und auf uns eingehen zu können und zu wollen.“

Dies bestätigt auch der damalige Manager, Benno Beiroth: „Dieter Tippenhauer hatte seine Mannschaft im Griff, ohne dabei laut werden zu müssen. Die Spieler wussten, woran sie bei ihm waren. Und seine Fachkenntnisse waren enorm, wie er später eindrucksvoll unter Beweis stellte.“

All dies half Tippenhauer jedoch nicht. Nach einem misslungenen Saisonstart 1979/1980 - am 8. Spieltag stand die Mannschaft um Kapitän Gerd Zewe bei nur zwei Siegen auf dem 16. Tabellenplatz, der damals den direkten Abstieg bedeutete - wurde er beurlaubt.

Dabei war Tippenhauer unter erschwerten Bedingungen in seine zweite Spielzeit gegangen. Einigen Leistungsträgern und altgedienten Fortunen wie Wilfried Woyke, Reinhold Fanz, Flemming Lund und Emanuel Günther wurden im Sommer die Verträge nicht verlängert. Die Routiniers Dieter Brei und Gerd Zimmermann konnten nach ihren schweren Verletzungen, die beide im Frühjahr im Europapokal-Endspiel erlitten hatten, nie wieder an ihre alten Leistungen anknüpfen. Tippenhauer sah die Dramatik der Situation und hatte im Vorfeld „dem Vorstand eigeninitiativ zweimal meinen Rücktritt angeboten.“ Sein Nachfolger, Otto Rehhagel, hatte zwar im Ligabetrieb ebenfalls keinen großen Erfolg, doch unter ihm gelang es, den DFB-Pokal abermals nach Düsseldorf zu holen.

Als Tippenhauer Düsseldorf verließ, prophezeiten ihm viele eine Fortsetzung seiner großen Karriere. „Dies gelang nur in Ansätzen“, wie er einmal resümierte. Als Cheftrainer bei Arminia Bielefeld schaffte er 1980 den Bundesliga-Aufstieg. Es folgten Engagements bei Bayer 05 (heute: KFC) Uerdingen, mit dem er ebenfalls, 1983, aufstieg - sowie im Management von Borussia Dortmund.

„Irgendwann habe ich mir gesagt, das kann nicht alles sein“, und so entschloss sich Tippenhauer, der neben dem Sport- auch ein BWL-Studium erfolgreich absolviert hatte, von der großen Bühne des Profifußballs abzutreten, um unter anderem eine erfolgreiche PR-Agentur ins Leben zu rufen.

Dem Fußball galt jedoch weiter seine Leidenschaft. 2010 untermauerte er dies mit einem Studium in Sportpsychologie, das er an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit seiner Promotion zum Thema „Der wahrgenommene Einfluss von Führungsspielern in der Fußball-Bundesliga“ krönte.

Ideengeber waren seinerzeit auch Spieler der Fortuna, dem Verein, bei dem er seine größten Erfolge hatte feiern können und zu dem er nie so ganz den Kontakt verlor. Und wo er jederzeit ein gern gesehener Gast war - wie früher und wie immer: bescheiden und uneitel („Aber nennt mich jetzt bitte nicht ‚Herr Doktor‘!“).

So auch im Frühjahr 2019 - als es in der Arena zum großen Wiedersehen mit seiner Mannschaft kam, 40 Jahre nach dem Einzug ins EC-Finale in Basel. Tippenhauer fühlte sich bestens aufgehoben in diesem Kreis, sprach von dem Geleisteten und von Plänen, die er noch hatte und sein Alter sah man ihm dabei nicht ansatzweise an.

Fortuna nimmt mit Hans-Dieter Tippenhauer Abschied von einer großen Persönlichkeit der Vereinsgeschichte. Die Gedanken aller Fortunen sind bei dem Verstorbenen, und tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.

Hans-Dieter Tippenhauer wird in bester Erinnerung bleiben, wegen seiner Erfolge und seiner Kompetenz, mit seiner gradlinigen und liebenswerten Wesensart. Ein ehrendes Andenken wird ihm damit gewiss gewahrt sein.

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