25.09.2019 | Verein

Der Mann, der einen Scheitel schießen konnte

Gerd „Zimbo“ Zimmermann wird 70 Jahre jung

Wenn jemand auch Jahrzehnte nach Beendigung einer Karriere im kollektiven Gedächtnis verankert ist und selbst Jüngere seinen Namen bei Freistößen für Fortuna fast reflexartig aufrufen, dann hat dieser Mensch das Zeug zu einer echten Legende. Gerd Zimmermann ist solch eine Legende und er hat sich diesen Ruf verdient. Denn mit seiner Schusskraft und Zielsicherheit gilt er bis heute als unnachahmlich. Der erste wahre „Zimbo“ der Fortuna wird heute 70 Jahre jung und die ganze Fortuna-Familie gratuliert herzlich zu diesem Ehrentag.

Erblickt hat Zimmermann das Licht der Welt am 26. September 1949 in Jüchen, wo er in seinen Anfängen im Ortsteil Hochneukirch beim VfB 08 spielte. Darauf verschlug es ihn ins benachbarte Mönchengladbach zur großen Borussia, wo er in zwei Saisons seine ersten Profierfahrungen machte. „Ich war allerdings neben Günter Netzer und Berti Vogts eher ein Ergänzungsspieler“, gibt er in aller Bescheidenheit zu. Trotzdem reichte es, den ersten Titel, Deutscher Meister, mitzunehmen. Damit war der Grundstein gelegt, sodass in den folgenden zehn Jahren Fortuna sein Leben bestimmte. Erst vier Jahre der SC in der südlich gelegenen Domstadt, dann auf der anderen Rheinseite in der Landeshauptstadt, wohin er für die seinerzeit rekordverdächtige Transfersumme von 800.000 DM wechselte. Zimmermann stellt heute noch fest: „Für einen Defensivspieler wurde bis dahin noch nie eine derart hohe Ablöse bezahlt.“ Aber das Engagement bei den Flingeranern sollte sich für beide Seiten als goldrichtige Entscheidung entpuppen.

Wobei der Begriff „Verteidiger“ für den damals 24-Jährigen eigentlich irreführend war, fungierte er doch im seinerzeit gängigen 4-3-3-System als „Vorstopper“. Diese Stellenbeschreibung ermöglichte dem Lockenkopf mit dem markanten Schnurrbart, durchaus offensive Qualitäten zu entwickeln. Die Abwehr ordnen und gleichzeitig nach vorne agieren - so erzielte er in 166 Ligapartien für die Fortuna nicht weniger als 40 Tore. In 25 DFB-Pokalspielen traf er sechsmal. Und viele davon waren legendär und machten ihn zum Publikumsliebling. Klaus Allofs, selbst ehemaliger Fortune mit Legendenstatus, geriet einmal ins Schwärmen, als er von einem Spiel beim Karlsruher SC berichtete: „Der Ball war ins Mittelfeld zurückgeschlagen worden und hatte erheblichen Effet. Ich dachte, Gerd spielt ihn zu mir. Doch der haute aus bestimmt 35 Metern einfach drauf und traf. So etwas hatte ich vorher noch nicht erlebt.“ Danach jedoch umso öfter.

Begünstigt wurde der erfolgreiche Weg von „Zimbo“, wie ihn fast alle riefen, durch Heinz Lucas. Der ebenfalls legendäre Cheftrainer der Fortunen stand von 1970 bis 1975 für große Erfolge wie den Aufstieg und zwei bis heute nie wieder erreichte dritte Plätze in der Bundesliga-Abschlusstabelle. Lucas war es auch, der sich vehement für den Transfer Zimmermanns eingesetzt hatte. Und die beiden verstanden sich prächtig: „Heinz Lucas war einer der Besten seiner Zeit. Er hat nicht nur mir geholfen, sondern die Grundlage für die erfolgreichen Jahre, die dann auch nach seinem Weggang folgten, gelegt.“ Doch auch Dietrich Weise galt stets seine Verehrung, bis schließlich Dieter Tippenhauer die Erfolge erntete, für die seine Vorgänger den Weg geebnet hatten.

Mit seinen 1,85 Meter Körperlänge und dem sehr athletischen Körper wurde Zimmermann, der überdies enorm kopfballstark war, bald vor allem bekannt für seine so genannten „Flatterbälle“. Torhüter fürchteten sie, da das Leder bis zu rekordverdächten 144 km/h schnell werden konnte und gleichzeitig einen starken Drall hatte. Nationaltorhüter Rudi Kargus konnte ein Lied davon singen, als er einmal einem Ball von „Zimbo“ hinterherhechtete, um mitsamt Spielgerät in den Maschen zu landen. In seiner erfolgreichsten Spielzeit 1978/79 erzielte Zimmermann so insgesamt 13 Treffer.

Dies führte natürlich dazu, dass seine Gegner ihn fortan mit allen Mitteln am Torschuss zu hindern versuchten. Viele Blessuren und auch ernsthafte Verletzungen waren die Folge. Doch dadurch ließ sich der zweifache Familienvater und Liebhaber schneller Autos nur mäßig beirren. Mit guter Kondition, großer Konzentration, Umsicht und Spielwitz war er ein Teamplayer, beliebt bei den Fans und stets zu Späßen aufgelegt. Einzig schlechte Spiele oder gar Niederlagen konnten ihm die Laune verhageln: „Was halfen denn noch so schöne Tore von mir, wenn wir als Mannschaft verloren hatten?“ Auch wenn zu seiner Zeit bei Fortuna etliche Akteure standen, die herausragende Spiele absolvierten: „Zimbo“ war besonders und betrachtete sich dennoch immer als Teil des Ganzen.

Trotz mehrerer Einsätze im Deutschen U23-Nationalteam: Der Durchbruch in der A-Nationalmannschaft gelang ihm nicht. Damit teilte er das Schicksal seines Mannschaftskameraden und Namensvetters Zewe. Entschied sich bei Letzterem Nationaltrainer Helmut Schön für Franz Beckenbauer, erhielt auf Zimmermanns Position „Katsche“ Schwarzenbeck den Vorzug. Das internationale Parkett blieb dem gelernten Fernmeldetechniker dennoch nicht verwehrt. Mit Fortuna bestritt er 20 Begegnungen im UEFA-Pokal (heute Europa League) und im Pokal der Pokalsieger und erzielte auch hier noch vier Treffer. Selbstverständlich war er somit auch im Finale in Basel gesetzt. Doch was der erfolgreichste Tag in der Vereinsgeschichte der Flingeraner hätte werden können, endete mit einer dramatischen Niederlage für Verein und Spieler zugleich.

Der Wettkampf zwischen Fortuna und dem FC Barcelona verlief lange Zeit auf Augenhöhe. Denn der vermeintliche Underdog aus Düsseldorf verlangte den Katalanen alles ab, war zwischenzeitlich sogar dem Sieg näher als die Spanier. Dennoch mussten sich die Rot-Weißen nach Verlängerung mit 3:4 geschlagen geben. Sicherlich ein unglücklicher Spielausgang, der aber auch durch einige mehr als zweifelhafte Entscheidungen des ungarischen Referees Károly Palotai begünstigt wurde. Der „übersah“ selbst massive körperliche Attacken der Iberer, wie selbst die Presse anschließend monierte. Und Wolfgang Seel, guter Kumpel von „Zimbo“, brachte es einmal diplomatisch auf den Punkt: „Der Schiedsrichter war für uns sicherlich nicht gut.“

Den Abpfiff erlebte „Scharfschütze“ Zimmermann, der den gefährlichen österreichischen Mittelstürmer Hans Krankl gut unter Kontrolle halten konnte, von der Auswechselbank. Zuvor war er rüde gefoult worden, ungeahndet, - und dies bedeutete, ebenso wie bei Dieter Brei, sein faktisches Karriereende. Mit einem Kreuzbandriss und Meniskusschaden - viel besser sah es auch bei Brei nicht aus - war Schluss.

Durch eine lange Ausfallzeit fand die neue Spielzeit praktisch ohne den Abwehrhünen statt. Hinzu kam, dass Otto Rehhagel inzwischen Tippenhauer als Chef an der Seitenlinie beerbt hatte. Und Zimmermann hatte zu diesem, diplomatisch ausgedrückt, ein eher gespanntes Verhältnis. „Nachdem ich nach langer Zeit endlich wieder spielen konnte und dafür auch noch gute Kritiken erhalten hatte, wollte mich Rehhagel aus dem Kader streichen. Begründung: Ich würde der Mannschaft nicht guttun.“ Es folgte eine Aussprache mit Trainer und Präsidium, die in einem Eklat gipfelte und zur Suspendierung Zimmermanns führte. In einer, wie er sagt, „Nacht-und-Nebel-Aktion“ verließ „Zimbo“ die Fortuna und suchte sein Glück in der damals aufstrebenden amerikanischen Soccer-League bei den Houston Hurricanes. Bald darauf war Calgary die nächste Station, doch 1983 kehrte der Rheinländer in die Heimat zurück; zweitklassig bei Union Solingen. Aufgrund finanzieller Probleme der Bergischen ging er letztendlich dahin zurück, wo er acht Jahre zuvor hergekommen war - zur Fortuna, die aus der südlich gelegenen Domstadt.

Aus seiner Verbundenheit mit der Düsseldorfer Fortuna, wo er seine erfolgreichste Zeit erlebt hatte, machte er jedoch nie einen Hehl. „Ich kam ja eher aus der Nähe von Düsseldorf als aus Köln.“ Herausragende Spiele? Davon hat er jede Menge erlebt, sagt er, und erinnert sich auch an das 7:1 gegen den FC Bayern München im Dezember 1978, als er beim Stand von 4:1 an den Elfmeterpunkt trat und dachte: „Jetzt ziehe ich dem Sepp Maier einen Scheitel.“ Die Frisur hielt zwar einigermaßen, aber der Weltmeister-Torwart von 1974 nicht den Ball, der hinter ihm im Netz zappelte.

Es sei der familiäre Umgang bei Fortuna, der Spaß abseits des Spielfeldes, der „großartige Zusammenhalt“ in der Mannschaft gewesen, der zum Erfolg beitrug. Der stieg jedoch niemandem zu Kopf, und gerade Zimmermann wurde von den Fans geliebt, weil ihm der Ruf des „ehrlichen Arbeiters“ vorauseilte, und der einmal sagte, er schaue nicht aufs Geld, „sondern auf meinen Verein, für den es jedem eine Ehre sein sollte, für ihn spielen zu dürfen.“ Indirekt brachte er es sogar zur Werbe-Ikone, denn irgendwann in den 1970ern gab es „Zimbo“, den Löwen als Stofftier, der zeitweise bei jedem Spiel im Stadion Platz nahm und der Pate für Spielankündigungsplakate stand, die bis heute Kultstatus haben. Woher aber kam seine unglaubliche Schussstärke? Die habe er schon in seiner Jugendzeit besonders zu trainieren versucht. Dabei seien Schüsse mit links immer etwas härter gewesen, dafür die mit dem rechten Fuß präziser. Dies machte ihn für seine Gegenspieler noch unberechenbarer und ihn selbst umso erfolgreicher.

Dass er Düsseldorf überhaupt verlassen hatte, bewegt ihn bis heute und schreibt er ausschließlich einem Mann zu: „Das war der Rehhagel.“ Und ausgerechnet der wurde, nur kurze Zeit nach „Zimbos“ Weggang, bei den Rot-Weißen wegen Erfolglosigkeit entlassen: „Das hat verdammt weh getan, denn Fortuna lag und liegt mir doch so sehr am Herzen.“

Umso versöhnlicher ist, dass Gerd Zimmermann seinen Frieden mit der Fortuna, der aus Düsseldorf, geschlossen hat und seither wieder öfter in der Arena anzutreffen ist, wobei er zugibt, ein wenig neidisch auf Spieler heutzutage zu sein: „Aber nicht wegen des Geldes, sondern wegen der herausragenden Stimmung, die die Fans machen, auch wenn es mal nicht so gut läuft.“

Fortuna gratuliert ihrem Gerd „Zimbo“ Zimmermann herzlich zu seinem 70. Geburtstag. Mögen ihm noch viele Jahre viel Gesundheit und Glück beschieden sein. Und jede Menge Spiele in Stockum, wo er sich mit seinem Herzensverein freuen kann.

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